Notizen | Postkarten aus Kuba


Postkarten aus Kuba
März 2007



Jugend ohne Hoffnung im Archipel Tabak


Auf den ersten Blick ist Kuba das Paradies der glücklichen Drogenbauern, die sich auf Nikotin und Zuckerrohrschnaps spezialisiert haben, mit blinkenden 50er-Jahre-Schlitten durch malerisch verfallende Kolonialstädte brausen und abends Domino spielen. Doch der Schein trügt. Wer als aufmerksamer Besucher morgens an den vergitterten Schulfenstern lauscht, wird einen vielstimmigen Kinderchor hören, der die ersten Sätze Fachenglisch aufsagt: »Wanna buy cigar? Cohiba, Montechristo!«. Die Ausbildung zum Dealer ist hart, der Job härter: Auf jeden Beute-Touristen kommen heute bereits 10 Jäger, die immer öfter auf ihrer mit Bananenblättern gestreckten Ware sitzenbleiben. Viele akzeptieren den sozialen Abstieg und schulen um. So werden aus stolzen Tabakwarenvertretern Salsa-Lehrer und illegale Taxifahrer, die in verzweifelten Stunden sogar selbst Bananenblatt-Zigarren rauchen. Das Leben auf der Insel kann verdammt hart sein.






Der Millenium-Pontiac bei anderthalbfacher Nicht-Geschwindigkeit


Wir sitzen in der Pampa fest, wo uns die beiden Esten rausgeworfen haben. Noch 106 Meilen bis Matanzas, es ist hell, und wir tragen keine Sonnenbrillen. Gentlemen? Ich - ich sehe... eine Taxifahrt! Güines, 40.000 Einwohner und kein legales Taxi. Eine Bahnstation hat das Nest, Fliegen krabbeln durch die Mundwinkel der Wartenden. Sie suchen einen Fahrer? Matanzas. Nur wir beiden, die zwei Rucksäcke voll amerikanischer Flugblätter hier, und keine weiteren Fragen. Was denn, mit diesem Schrotthaufen? Junge, das ist ein imperialer Straßenkreuzer, 50 Jahre alt, aber Chewie hier hat 'ne Menge chinesischer Extras eingebaut. Okay, es geht los. Der 58er Pontiac schlingert wie eine Badewanne, Rückenstoßdämpfer ausgefallen. Noch 50 Kilometer, über uns kreisen Geier. Kopf runter, Polizeipatrouille! Auf illegale Taxifahrten steht der Tod. Schweißperlen hinter abgeklebten Scheiben, Meine Damen und Herren, in Kürze erreichen wir Matanzas. An der Stadtgrenze setzen uns die Angsthasen aus, das Zentrum ist ihnen zu heiß. Lohn der Angst: 25 Pesos. Auf den Schreck einen Mojito.






»Ich glaube nicht, daß mir das Programm heute gefällt« - Waldorf & Staedtler in Havanna


Der Kubaner als solcher schaut gern aus dem Fenster. Das liegt selbstverständlich daran, daß der Kubaner keinen Fernseher hat. Falls er doch einen hat, so gibt es keinen Strom, kein Programm, oder ausschließlich mehrstündige Reden von Fidel Castro. Außerdem ist auf der Straße immer etwas los, schließlich ist das ganze Land arbeitslos. Das bedeutet aber nicht, daß der Kubaner nichts zu tun hätte. Abgesehen vom Mojitotrinken muß man sich nämlich um die Touristen mit ihren westlichen Wertsachen kümmern, die eines sehr schnell lernen: Kuba ist kein kapitalistischer, wohl aber ein Kapitalisten-Ausbeuterstaat. Marxus, Marxus, gib mir meine Millionen zurück!






Kubanischer Infanterist, bereit zum Losschlagen


Offiziell ist Kuba ein sozialistischer Staat. Die Mehrzahl seiner Bürger scheint das aber nicht ganz ernst zu nehmen, strenggenommen kann man hier nämlich fast nichts ernst nehmen: weder die zahllosen »Museen« der Hauptstadt, die z.B. mit Zeitungsausschnitten Fidels Bootsausflüge dokumentieren, noch den »öffentlichen Nahverkehr«, der überwiegend mit Kipplastern abgewickelt wird, am allerwenigsten aber die kubanische »Küche«, die mit Spezialitäten wie Hummer cordon bleu und Huhn in Coca-cola-Marinade überrascht. Wirklich beunruhigend aber ist, daß etwa 10% der Einwohner ständig mit mindestens einer dekorativen Sahnetorte auf dem Handteller durch die Innenstädte spazieren und sich dabei freundlich umsehen. Slapstick-Kenner ahnen es: Das Land steht am Rand der größten Tortenschlacht aller Zeiten, Millionen Schaulustige stehen bereits an den Fenstern! Wir aber sind gewappnet: mit einer großkalibrigen Schwarzwälder Kirsch schlendern wir durch Havanna und warten auf den ersten scheelen Blick. Noch ist die Lage ruhig.






»Chicas« sind auch bei den Einheimischen äußerst gefragt


Niemand soll sagen, daß Castros Inselreich nichts zu bieten hätte. Wer den Alltag in der deutschen Servicewüste kennt, wird erstaunt bemerken, daß praktisch jeder Kubaner ein ganzes Dienstleistungsspektrum anbietet. Zunächst der Klassiker: »Hey you! Wanna buy cigar?«, dicht gefolgt von Unterkunfts-, Transport- und kulinarischen Angeboten (»Nice dinner in colonial house! Good cooking for you!«), bis hin zu eher persönlichen Dienstleistungen (»You want chica?«). Dabei ist gar nicht so wichtig, ob der Kubaner überhaupt über z.B. Rauchwaren verfügt. Entscheidend ist der gute Wille. Und mit etwas gutem Willen lernt der aufgeschlossene Besucher durch diese Offerten das Land kennen und die Kubaner lieben. Nur von den Zigarren läßt man besser die Finger.






»Rennen ist Leben« - blanker Zynismus in den Augen der Krebse


Wir sind hier live beim Rennen Remidios-Caipirinha, die Fahrer haben bereits ihre vorgeschriebenen Cocktails zu sich genommen, steigen ein, und der Startschuß ist gefallen! Es ist schwer, in der majestätischen Rußwolke etwas zu erkennen, aber da vorne, neben dem Lada und dem roten Plymouth, unser Außenseiterteam aus Europa, im koreanischen Mietwagen! Und links bereits der zweite 58er Buick mit Achsbruch. Nach der hart angeschnittenen Cohiba-Kurve geht es jetzt auf die Schlagloch-Piste, die erste große Hürde! Die sowjetischen Jeeps machen Boden gut, ein weiterer 58er Cadillack fällt aus, wo sind die Europäer? Ja, sie kämpfen sich bereits durch das Wanderkrebsfeld! Normalerweise sind die 6cm-Scheren für westliche Reifen ungefährlich, aber es sind Tausende! Da knackt der letzte Krebs, sie sind als zweite auf der Jose-Marti-Zielgraden, durch die Moskito-Schikane, am Lada vorbei, erster Platz für den Hyundai! Begeisterungsstürme bei den 2 Zuschauern, der Preis: ein Ausflug nach Cayo Blanco!



Cayo Blanco, Insel der Verdammten


Die Sonne brennt erbarmungslos auf das verlassene Eiland. Verzweiflung in den Augen der Überlebenden. Vielen ist außer Schnorchel und Bikini nichts geblieben. Große Leguane machen uns die wenigen Kilo Langusten streitig. Überall Palmen, aber der Kokosnußöffner meines Schweizer Messers klemmt. Cola und Rum gehen zur Neige, und das Wasser der seichten Lagune ist viel zu warm, um die letzten Paletten Bier zu kühlen. Zwei gestrandete Eingeborene versuchen, uns mit ununterbrochener Salsa-Musik in den Wahnsinn zu treiben, und es wird noch Stunden dauern, bis uns der Angeber-Katamaran zurück nach Trinidad segelt. Willkommen in der Hölle von Cayo Blanco.